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Hilfe für Afrika ist oft von durchschlagender Wirkungslosigkeit

17 November 2009 Volker Seitz 3 Kommentare PDF Drucken

Der bedeutende ghanaische Wirtschaftswissenschaftler George Ayittey hat ausgerechnet, dass seit 1960 die Summe von sechs Marshallplänen nach Afrika gepumpt wurde- „ohne erkennbares Ergebnis.“ Ferner hat er daran erinnert, dass in den 60er Jahren sich Afrika nicht nur selbst ernähren, sondern auch noch Lebensmittel exportieren konnte. Heute vertreten viele afrikanische Regierungen nicht die Interessen ihrer Bürger. 2004 errechnete die Afrikanische Union, dass Korruption Afrika jährlich 148 Milliarden Dollar kostet. Hinzu kommt die Kapitalflucht aus Afrika mit etwa 22 Milliarden Dollar.

Während ein großer Teil der regierenden „Elite“ seit Jahren mit Härte und Kälte ohne jede Entwicklungsorientierung und ohne Unrechtsbewusstsein sich an öffentlichen Ressourcen bedient, spielt sich das Leben der einfachen Afrikaner und vor allem Afrikanerinnen in der alltäglichen Misere des harten Überlebenskampfes ab. So leben trotz allen materiellen und intellektuellen Potentials in großen Teilen Afrikas noch immer mehr als 40 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Ihr ehrenhaftes, mutiges Verhalten und  ihre Würde habe ich in 17 Jahren in 7 Ländern auf Posten in Afrika schätzen gelernt. Es gibt dort viele Menschen, deren Handeln ausschließlich von den Gesetzen der Anständigkeit und der Integrität bestimmt ist.

Mangels anderer (wirtschaftlicher) Erfolgserlebnisse suchen die Menschen Zuflucht unter dem verschwitzten Hemd ihrer Fußballhelden. Siege von Drogba , Eto’o oder Adebayor trösten, und die Demütigungen werden für kurze Zeit vergessen.

Diese ganz überwiegend demokratisch gesinnte Bevölkerung wünscht sich rechtstaatliche Verhältnisse und eine wirtschaftliche Zukunft im eigenen Land und nicht als Asylsuchender in Europa oder sonst wo. Wenn die Gesellschaften vorankommen wollen, brauchen sie deshalb stabile staatliche Strukturen und durchsetzungsfähige gemeinwohlorientierte Regierungen. Genau daran fehlt es eklatant in vielen Ländern. Häufig arbeiten gerade die Regierungen gegen die Interessen der Bevölkerung und schaffen damit Armut. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe, aber das geht nur dort, wo die dortigen Eliten das Konzept auch umsetzen wollen.

Die Eliten müssen sich  zur Verantwortung für die Entwicklung der ihnen anvertrauten Länder durchringen. Alle noch so gut gemeinten Entwicklungsanstrengungen der zahlreichen Geber werden heute von der Ausplünderungsmentalität des korruptionsgeneigten Teils der politischen und administrativen Oberschicht mit Leichtigkeit überlagert zunichte gemacht. Seit langem ist bekannt, dass ein Staat sich nur entwickeln kann, wenn das – oft genau kalkulierte – Chaos in den afrikanischen Finanzverwaltungen, das die Unterschlagungen verschleiern soll, beendet wird. Wir müssen den politischen Willen und die Einsicht der Verantwortlichen in ihre eigenen vitalen Interessen fördern, bevor noch mehr materielle Hilfe folgt.  Dennoch wird  von den Gebern einfach weitergemacht. Ich bin in diesem Punkt mehr denn je im „Vollbesitz meiner Zweifel“ (Peter Rühmkorf), denn in den letzten Jahren wurde politische Versprechen selten von den Empfängern der Hilfe in Handeln umgesetzt.

Stattdessen hat jeder neue Reiche in Afrika drei Handys im italienischen Anzug stecken und ist zu allem bereit, um an eine Villa , an einen Geländewagen der Luxusklasse und an Auslandskonten zu kommen. Es wird ihnen von der Führung vorgelebt. Das französische Magazin L’Express hat am 12. 2.2009 ausführlich über die angehäuften Reichtümer afrikanischer Präsidenten in Frankreich berichtet. Da kann man sich schon die Frage stellen, ob die Familie des Präsidenten von Gabun, Ali Bongo, 39 Anwesen meist in bester Lage in Paris, 70 Bankkonten und 9 Luxusautos benötigt. Denis Sassou Nguesso, der Präsident von Kongo Brazzaville, besitzt nur 18 Anwesen, braucht aber 112 Bankkonten. Bescheiden ist demnach der Präsident des benachbarten Inselstaates Äquatorialguinea, Teodoro Obiang Nguema. Von ihm sind nur ein Anwesen und ein Bankkonto bekannt. Dafür hat sein Sohn in Frankreich einen Wagenpark von 8 Maybachs, Ferraris, Bugattis, Maseratis und Rolls-Royce mit einem Wert von 4,2 Millionen Euro. Natürlich braucht der Sohn des Präsidenten auch einen Jet (33,8 Mill. Dollar) und eine bescheidene Villa in Malibu (35 Mill. Dollar). Dazu passt eine Meldung der Sunday Times vom 14. Februar 2009, dass der Präsident von Simbabwe Robert Mugabe in Hongkong eine Villa für 5,6 Millionen US Dollar gekauft hat. Während das Volk von Simbabwe unter bitterer Armut leidet, Schulen und Krankenhäuser geschlossen sind, hatte Mugabe nach südafrikanischen Medienberichten ein verschwenderisches Fest zu seinem 85. Geburtstages mit 8000 Hummer, 2000 Flaschen Champagner, 500 Flaschen Whisky und 4000 Portionen Kaviar gefeiert.

Das Bedrückende liegt darin, dass der Mann  auf Strasse  jeden in einer höheren Position für einen Gauner hält. Er kennt die Gleichgültigkeit der politischen Führung. Die Phrasen über das Gemeinwohl,  die in Wahrheit nur dazu dienen, öffentliche Gelder auf die privaten Konten der Politiker zu schaufeln, sind ihm allzu vertraut. Dabei haben viele Afrikaner durchaus ernstzunehmende Vorstellungen, wie man mit den Ressourcen der Länder anders umgehen könnte als heute üblich.

Das „Herrenclubprinzip“ (es gibt bislang nur eine Präsidentin in Liberia) und die Korruption bringen weiterhin Armut. Die an der wirtschaftlichen wie politischen Macht Sitzenden haben ohne Druck der Entwicklungshilfegeber, die viele Länder weiterhin mit Hilfsangeboten überschütten,überhaupt kein Interesse an der Beseitigung der Korruption. Daran werden auch  noch höherer Steuergeld-Einsatz der Gebergemeinschaft und die häufige Abhaltung von bombastischen Konferenzen, Workshops,  Journées de Reflexion, Seminaires de sensibililation, Conférences-débats, Ateliers-débats, Seminaires-ateliers, Runde Tische etc. nichts ändern. In der Langeweile des technokratischen Geredes der Theoretiker der Unübersichtlichkeit wird jeder unkonventionelle Gedanke von kritischen und inzwischen zornigen Afrikanern und Afrikanerinnen (z.B. James Skikwati, Andrew Mwenda, Axelle Kabou, Moeletsi Mbeki, George Ayittey, Dambisa Moyo) begraben. Wir können nicht den bisherigen Entwicklungshilfemodus beibehalten, und die afrikanischen Eliten können nicht so weiter machen. Die Entwicklungshilfe ist für viele Staaten zu üppig. Heutzutage  werden die Eliten von der Großzügigkeit des Westens fortgerissen. Sie lassen sich –nach meiner Beobachtung- ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse für ihr Volk von der Entwicklungshilfeindustrie überreden, die Dinge, die ihnen angeboten werden, auch haben zu wollen. Es gibt weder eine kritische Bestandsaufnahme der bisherigen Hilfe, noch wird hinterfragt, warum bisher all die gut gemeinten Bemühungen und die massive Hilfe an die Länder wirtschaftlich und sozial kaum etwas bewirkt haben: Hauptsache die immer reichlicher bemessene Entwicklungshilfe fließt ab. Schuldenerlass und massive Hilfe sind ohne Bedingungen und Kontrollmechanismen nicht nur nicht sinnvoll, sondern meist schädlich, weil sie nicht zu Reformen ermuntern und die Selbsthilfekräfte durch ein Übermaß an Förderung ersticken.

Und da für die Entwicklung eines Landes die Selbsthilfekräfte entscheidend sind, können wir nichts besseres tun, als diese zu stärken.Tiefere Reformen sind notwendig, die freilich unpopulärer sind als das immer neue Aufdrehen des Geldhahns.

Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Buches „Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann“, dtv Juli 2009 (dritte Auflage November 2009)

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