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“Für afrikanische Regierungen ist die Massenauswanderung kein Alarmzeichen”

10 November 2009 Lisa Armbruster Keine Kommentare PDF Drucken


Volker Seitz, ehemaliger Botschafter und Autor des Buches “Afrika wird armregiert”, macht im folgenden Artikel deutlich, dass das eigentliche Problem afrikanischer Staaten die dortigen Regierungen sind. Ihre Landleute sind ihnen mehr oder weniger egal und so sehen sie auch in der Massenauswanderung, die man leider in vielen afrikanischen Staaten beobachten kann, kein Alarmzeichen.

“Es bringt nichts, um den heißen Brei herum zu reden. Die regierenden Eliten in den „afrikanischen Vampirstaaten“( so nennt sie der ghanaische Ökonom George Ayittey) haben in einem Land nach dem anderen die Wirtschaft und den Staat ruiniert. Einige kommen direkt aus der Kaserne in das Präsidialpalais: 18 Staatschefs der 53 Länder Afrikas sind ehemalige Militärs. Demokratie und Rechtstaatlichkeit werden in Afrika meistens nicht ernst genommen. Da kann es -wie kürzlich in Kamerun- geschehen, dass eine Woche vor dem Papstbesuch hunderte kleine Verkaufsstände zertrümmert. werden. Begründung: die Stände sind eine Beleidigung fürs Auge. Dass damit die Lebensgrundlage von vielen Kleinunternehmern zerstört wurde, spielt keine Rolle. Woran es in vielen Staaten mangelt, sind stabile demokratische Institutionen. Der Willkür sind allzu viele Türen geöffnet.

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Das Pariser Wochenblatt „Jeune Afrique“ hat für Zentralafrika ausgerechnet, dass die sechs Präsidenten von Gabun (Vater&Sohn), Äquatorialguinea, Kongo Brazzaville, Zentralafrikanische Republik, Kamerun und Tschad zusammen genommen bereits seit 140 Jahren an der Macht sind. Auch der Präsident von Angola regiert das Land bereits seit 1979.Der Staatschef von Gabun ist allerdings vor ein paar Tagen nach 42 Jahren an der Macht gestorben.

Etliche haben -wie westliche Medien regelmäßig berichten- gewaltige private Reichtümer in Europa, USA, Kanada und anderswo angehäuft. Allein der verstorbene nigerianische Diktator

Sani Abacha hatte während seiner Regierungszeit (1993-98) etwa 2,2 Milliarden Dollar außer Landes geschafft. Von den 700 Millionen Dollar, die auf schweizer Konten gefunden wurden, hat die Schweiz im März 2009 die letzte Tranche an die nigerianische Staatskasse zurück überwiesen. Erstaunlich ist auch das Vermögen des Sohnes des ehemaligen Gouverneurs des Staates Lagos, des Generaldirektors von Zenon Petroleum and Gas, Femi Otedola, das das amerikanische Wirtschaftsmagazin “Forbes“ mit 1,2 Milliarden Dollar angibt. Mitte Juni wurde in den USA bekannt, dass die amerikanische Regierung gegen 44 kamerunische Milliardäre ein Aufenthaltsverbot verhängt hat.

Für die Bevölkerungen spielt oft keine Rolle, wer an der Macht ist. Unfähigkeit und Unterschlagungen bleiben meist ohne Konsequenzen. Es fehlt an Respekt vor den eigenen Gesetzen. Deshalb ist der Vorwurf, dass es Korruption schließlich auch bei uns gibt, verfehlt. Bei uns kann niemand sicher sein, dass Unterschlagungen nicht doch bestraft werden. In Afrika ist dagegen die Straflosigkeit für die Machteliten die Regel, von der es nicht viele Ausnahmen gibt. Das ist auch ein Grund, weshalb sich Afrikaner mit verzweifelter Entschlossenheit auf den gefahrvollen Weg in die Ferne machen.

Viele Staaten taumeln ständig am Rande des Abgrunds entlang, und die Menschen haben keine Hoffnung, dass sich in ihren Ländern noch etwas zum Guten bewegt. Für die Regierungen ist dies kein Alarmzeichen, sondern willkommen, da die Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit nach Europa exportiert werden können. Sie werden dadurch den Druck los. Das Schicksal ihrer eigenen Landsleute ist ihnen gleichgültig, und sie sehen mit großer Gelassenheit zu, wenn wieder einmal hunderte Migranten in der Wüste verdursten oder auf ihrer Fahrt in schrottreifen Booten nach Italien oder Spanien ertrinken. Auch wird das kriminelle Geschäft mit Migration, das inzwischen eine ausgefeilte und gewinnbringende Industrie geworden ist , nicht erschwert. Im Gegenteil hat es freies Feld.

Die Flüchtlinge sind junge , meist gut ausgebildete Menschen, die in ihren Ländern dringend gebraucht werden. Der in Kenia geborene und in den USA und in Nigeria lehrende Geisteswissenschaftler Ali Mazrui sagt: „Es ist eine große Verschwendung der Entwicklungspotentiale Afrikas, Tausende von gut ausgebildeten Wissenschaftlern ins Exil nach Europa und den USA zu treiben.“ Und Ngugi wa Thiong’o der wichtigste Schriftsteller Kenias, der in den USA lehrte:“ Es ist furchtbar in der modernen Welt, dass so so viele Schriftsteller in ein anderes Land emigrieren mussten , um sich die Möglichkeit zu erhalten, das Geschehen in ihrem Heimatland zu kommentieren.“

Haben wir uns schon an das Unrecht gewöhnt?

Wo bleibt der Aufschrei der Empörung in den westlichen Hauptstädten. Wir haben uns offenbar schon an die alltäglichen Menschenrechtsverletzungen gewöhnt. Interessieren wir uns nicht für die Hintergründe des Massengrabes Mittelmeer? Es bleibt dabei, Kritik an afrikanischen Regierungen ist politisch nicht korrekt. Wann nehmen wir die Forschungen des indischen Nobelpreisträgers Amartya Sen zur Kenntnis, der nachgewiesen hat, dass in einem freien und demokratisch regierten Land es noch nie zu Hungerkatastrophen kam? Möglicherweise, so vermutet Umberto Eco, ist die politische Korrektheit überhaupt dazu da , das zugrunde liegende Problem, weil es ungelöst ist, sprachlich zu kaschieren. Aber wir sollten uns nicht täuschen. Die Zeit spielt gegen die in die Jahre gekommenen Machthaber . Die afrikanischen Gesellschaften sind jung, und sie werden die mangelnde soziale Verantwortung, Arroganz und Demokratieverachtung ihrer Eliten oder derer, die sich dafür halten nicht mehr lange hinnehmen. Dies wird auf Dauer nicht folgenlos bleiben.

Es sind auch die falschen Entwicklungsrezepte, die den Kontinent ruinieren.. Afrika braucht nicht mehr Geld. In den Worten des südafrikanischen Ökonomen Themba Sono:“Mehr Hilfe verstärkt allenfalls das Chaos.“ Es braucht Eliten, die sich verantwortlich benehmen. Der peruanische Ökonom und Entwicklungsexperte Hernando de Soto stellt der Entwicklungshilfe ein Armutszeugnis aus :“Entwicklungsländer können die Armut aus eigener Kraft bewältigen. Dazu brauchen sie keine Verdopplung der Hilfsgelder und auch keinen Schuldenerlass“ und weiter “Wohltätigkeit geht nicht an die Wurzeln der Armut. Deren Ursache ist die rechtliche Diskriminierung einer Bevölkerungsmehrheit in den Entwicklungsländern.“

Auch die sambische Ökonomin Dambisa Moyo fordert ein Ende der westlichen Entwicklungshilfe. „ In den vergangenen 50 Jahren sind über 2 Billionen Dollar an Hilfen von den reichen an die armen Länder geflossen. Aber dieses Modell hat nirgendwo auf der Welt wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Dabei haben wir gesehen, welche Konzepte die Armut in China, Indien, Südafrika und Botsuana vermindert haben. Diese Länder haben auf den Markt als Motor für Wirtschaftswachstum gesetzt.“

Da aber nicht sein darf, dass eine Afrikanerin die Wirklichkeit in Afrika besser beschreibt, als westliche Experten, wird Frau Moyo gerne unterstellt, dass sie nur provoziere und sich nur ins Rampenlicht stellen wolle . Aber das kennen wir ja schon von anderen kritischen Afrikanern wie James Shikwati, Andrew Mwenda, Ali Mazrui, Themba Sono, Moeletsi Mbeki, Axelle Kabou, George Ayittey. Auch sie werden gerne von der Entwicklungshilfeindustrie als „umstritten“ abgetan. Sie würden dem Westen den Vorwand liefern, sich aus der Verantwortung zu stehlen, um die lästige Entwicklungshilfe loszuwerden.

In Deutschland glaubt man idealistisch unverzagt an Entwicklung durch Umverteilung („Die Reichen schenken den Armen“). Noch dazu verwechseln die meisten dann auch das Gute mit der guten Absicht, was vollends in die Irre leitet. Auch machen meine afrikanischen Freunde nicht die Globalisierung für den mangelnden Fortschritt verantwortlich, sondern die Regierungen ihrer Länder.

Wenn wir wollen, dass die Massenflucht aus Afrika endet, brauchen wir einen offensiven, nicht kleinmütigen Dialog mit den afrikanischen Führungsschichten. Es sollte nicht als Bevormundung aufgefasst werden, wenn wir fordern, dass afrikanische Regierungen ordentlich regieren und die Verantwortung für das Wohl ihrer Völker selbst übernehmen müssen. Nur wenn die Jugend Afrikas den Eindruck gewinnt, dass die Ungleichheiten nicht weiter vertieft werden, das politische System sich ernsthaft bemüht dem eigenen Volk Vertrauen einzuflößen ,werden sie sich nicht mehr auf die lebensgefährliche und unsichere Auswanderung einlassen.”

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen im Auswärtigen Dienst tätig, u.a. in Brüssel, Armenien, Japan und mehreren Ländern Afrikas. Von 2004 bis zu seinem Ruhestand 2008 war er Leiter der Botschaft Jaunde/Kamerun. Er ist Mitinitiator des Bonner Aufrufs für eine Reform der Entwicklungspolitik und Autor des Buches „Afrika wird armregiert“ dtv, Juli 2009

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